Verfasst von: ditjv | Juni 9, 2008

SIND WIR NICHT ALLE BALKAN?

PRESSESCHAU ZUR FRÜHJAHRSAKADEMIE „QUO VADIS SÜDOSTEUROPA?“

„Sind wir nicht alle Balkan?“

Wie die Stadt Gorizia/Nova Gorica ein Stück europäischer Teilung überwunden hat

von Helmut Herles, Bonner General-Anzeiger, 09.06.08

„Quo vadis Südosteuropa? Die knappste Antwort auf die Frage der Frühjahrsakademie des Deutsch-Italienischen Journalistenvereins, wohin die Reise für die Menschen in dieser einstigen und noch immer latenten Krisenregion geht, gab Adelheid Feilcke-Tiemann, in der Deutschen Welle zuständig für internationale Beziehungen: „In die EU.“ Wobei Ivana Suhadolc (RAI) eindrucksvoll vor europäischer Hochnäsigkeit angesichts der eigenen Sünden warnte: „Sind wir nicht alle Balkan?“

Aber das ist bei Staaten wie Serbien oder dem Kosovo leichter gesagt als getan. Nicht jeder in diesem politischen Erdbebengebiet ist schon so weit wie Slowenien. Aber dessen Beispiel hat eine ansteckende Kraft für die anderen Staaten des ehemaligen Jugoslawien. Darauf baut die Bundesregierung, wie Regierungssprecher Ulrich Wilhelm in einem Grußwort an die Akademie schrieb. Ulrich Ritter (Bonn), Präsident dieses international erfolgreichen Vereins, hatte die Tagung mit Unterstützung der Allianz-Kulturstiftung bewusst wieder in der nordostitalienische Stadt Gorizia organisiert. Sie hieß im alten Österreich Glörz und heißt für die Slowenen Nova Gorica. Bis 2004 war der slowenische Teil der Stadt – wie einst Berlin – durch eine Mauer von Gorizia getrennt. Heute erinnern nur noch eine Linie und ein Gedenkstein im Pflaster vor dem altösterreichischen Bahnhof der Transalpina an die 1947 von den Kommunisten Titos mit Gewalt erzwungene Teilung. Noch immer denken Italiener in Gorizia an die Toten und nach Slowenien Verschleppten in ihrer Verwandtschaft; im Rathaus erinnert eine Tafel an die dunkle Vergangenheit. Auch hier ging man zu oft nicht friedlich miteinander um. Die Schlachtfelder des Ersten Weltkrieges und seine Massengräber liegen ganz nah am Isonzo. Daher ist die Frieden stiftende und erhaltende Kraft der Europäischen Union zwischen Görz, Gorizia und Nova Gorica besonders spürbar. Die erfreulich andere Wirklichkeit der EU: Seit dem 21. Dezember 2007 bewegen sich die Leute frei in der lange geteilten Stadt. Italiener tanken billiger in Nova Gorica, und Slowenen genießen friaulische Lebensart.

Also europäischer Anschauungsunterricht für Journalisten und Studenten gleichermaßen. Man traf sich diesmal in der Aula Magna der „Universität Trieste in Gorizia“, einem ehemaligen Priesterseminar. Professor Pier Giorgio Gabassi unterhält dort am Lehrstuhl für Didaktik und Kultur einen eigenen Studiengang für internationale Beziehungen und Diplomatie. Angesichts dieser geschichtlichen Wirklichkeit in einer Doppelstadt und der eigenen Erfahrung der europäischen Teilungen waren die künftigen Diplomaten, aber auch die Journalisten mit italienischen, deutschen, ost- und mitteleuropäischen Biografien besonders aufmerksam beim Vortrag des deutschen Generalkonsuls in Mailand, Axel Hartmann.

Er hatte als deutscher Diplomat und „Büchsenspanner“ des Bundeskanzlers Helmut Kohl im Büro des Kanzleramtschefs Rudolf Seiters die dramatischen Entwicklungen der deutschen Einigung zwischen den Fluchtbewegungen aus der DDR nach Budapest und Prag und den Zehn Punkten Kohls erlebt. Er beschrieb sie so präzise, dass man sich dazu ein Buch aus seiner Feder wünschte. Es war spannender Geschichtsunterricht. „Den können vor allem wir Jungen brauchen“, sagte eine Teilnehmerin. Sie hatte zum ersten Mal so deutlich gehört, dass mit Ausnahme der Amerikaner und des Spaniers Felipe Gonzales eigentlich alle westlichen Partner Kohls mindestens so reserviert über die deutsche Einigung dachten wie der Italiener Andreotti: Er liebe Deutschland so sehr, dass er sich zwei davon wünsche“.


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